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Was hat euch zu diesem kreativen Unterfangen inspiriert und euch auf die Idee gebracht, diese spirituellen Wege aufzuzeichnen, die sich gleichzeitig voneinander unterscheiden und doch viel gemein haben?
MdW: Wir sind in der Vergangenheit beide viel gereist. Auf unseren Reisen entstand der Wunsch, selbst Antworten auf die grundsätzlichen Fragen des Lebens zu finden. „Sich nach innen richten“ oder „die Suche nach Antworten“ wird oft mit einem Rückzug von der Welt gleichgesetzt. Auch ich habe solche Zeiten erlebt. Aber ich wollte auch etwas für die Welt tun, etwas zurückgeben, nicht nur weglaufen, mich verstecken und für immer verschwinden. Es war mir ein grosses Bedürfnis, sowohl die Schönheiten als auch die Schwierigkeiten, welche die spirituelle Suche mit sich bringt, mit anderen zu teilen. Das Medium Film schien mir hierzu äusserst geeignet.
JLB: Mir kam die Idee für diesen Film, nachdem ich im Jahr 2004 einige Monate zuhause verbracht hatte. Ich hatte vorher ein Jahr in Asien gelebt und Yoga studiert und geübt. Nun war ich zurück in der Schweiz, um etwas zu arbeiten. Ich war wirklich schockiert über die Frustration, die ich um mich herum sah und spürte. Gleichzeitig merkte ich, dass die Menschen sehr offen waren und ein echtes Interesse für das zeigten, was ich in Asien gelernt hatte. Anhand dieser Erlebnisse kam ich zu dem Schluss, dass sich ein Projekt wie Through the Eastern Gate lohnen würde. Zudem hatte ich den Eindruck, dass es keine guten Dokumentarfilme über Spiritualität gab. Die meisten Dokumentarfilme über spirituelle Themen sind sehr oberflächlich. Die beiden Filme von Arnaud Desjardins aus den Siebzigerjahren über tibetischen Buddhismus und afghanischen Sufismus suchen bis heute ihresgleichen – das sagt alles. Ich hoffe, dass der von uns gewählte Ansatz in Through the Eastern Gate die Zuschauer berühren wird. Das würden wir uns wirklich wünschen.

Wie habt ihr beiden euch überhaupt kennen gelernt?
JLB: Das erste Mal sind wir uns kurz Anfang 2002 in Indien begegnet. Mironel lief schon damals mit einer Kamera herum (lacht) – er arbeitete damals am Film Entering the Lotus. Nach dieser kurzen Begegnung haben wir unterschiedliche Richtungen eingeschlagen und uns erst zwei Jahre später wiedergetroffen, an einem internationalen Yoga-Camp am Schwarzen Meer. Dort sprachen wir über seine Arbeit und aktuellen Projekte. Nachdem ich Entering the Lotus gesehen hatte, beschloss ich, ihm bei der Realisierung eines weiteren Films zu helfen. Das war der Anfang von Through the Eastern Gate.

Wenn ich es richtig verstehe, war das Konzept für Through the Eastern Gate zu Beginn nicht so breit angelegt. Das Projekt hat einen viel grösseren Umfang angenommen, als ursprünglich geplant. Welche Faktoren haben zu dieser Entwicklung beigetragen?
JLB: Es war für uns beide die erste professionelle Produktion. Wir wussten also nicht, was es alles brauchen würde, um unsere Vision umzusetzen. Wir starteten mit grossartigen Ideen und viel Enthusiasmus und konnten uns damit die finanziellen Mittel für das Projekt sichern. Und dann ging „es“ einfach los! Niemand hatte damit gerechnet, dass wir fast zwei Jahre brauchen würden, um den Film zu beenden. Wir haben allerdings einige Pausen eingelegt. So haben wir nach äusserst anstrengenden sechswöchigen Dreharbeiten in Indien fünf Monate gewartet, bis wir uns in der Türkei trafen, um den Teil über Sufismus zu drehen.
MdW: Ja, es ist wirklich schwierig, diese Entwicklung an einzelnen Faktoren festzumachen. Ich denke, es lag grösstenteils an der Art unseres Ansatzes. Es war ein sehr gesegnetes Projekt. Von Anfang an gab es eine Menge Synchronizitäten – eine Gnade. Wir mussten nur offen sein und den Zeichen folgen. Auf diese Art und Weise haben wir beispielsweise die Ehrwürdige Tenzin Palmo getroffen und interviewt. Das galt übrigens auch für die Postproduktion des Films. Zuerst waren wir dafür in Bukarest, dann bot sich eine Möglichkeit in Kopenhagen. Zusammenfassend würde ich sagen, dass wir etwas wirklich Schönes schaffen wollten. Dieser intensive Wunsch gepaart mit der Überzeugung, etwas Sinnvolles zu tun, führte dazu, dass sich das Projekt wie von alleine günstig für uns entfaltete. Eine Tür nach der anderen öffnete sich und das Projekt wurde grösser und grösser. Ja, so kommt es mir vor, wenn ich jetzt zurückblicke.

Warum habt ihr den Titel Through the Eastern Gate gewählt?
MdW: Der Titel ist das Ergebnis eines langen Prozesses. Im Zentrum stand die Idee von etwas, das auf eine Reise oder einen Weg hindeutet. Alle echten spirituellen Wege gipfeln im gleichen Höhepunkt, aber man gelangt durch verschiedene Tore dorthin. Weil wir diesen Film den östlichen Traditionen widmen wollten, sind wir davon ausgegangen, dass die von uns porträtierten Sinnsuchenden durch eines der östlichen Tore dorthin gelangen würden. So entstand der Titel des Films.

Welche Schwierigkeiten musstest ihr bei diesem Projekt überwinden?
JLB: Die Zeit in Indien hat allen Beteiligten ihr Äusserstes abverlangt. Der Zeitplan war sehr knapp bemessen und wir haben sowohl im äussersten Süden als auch im Norden gedreht. Wir waren zwar beide schon einmal in Indien gewesen; aber diese Mission stellte ganz andere Ansprüche: In Indien zu reisen, ist sowieso anstrengend und mühsam. In Indien mit einer professionellen Video-Ausrüstung, Typhus und einem äusserst knappen Zeitplan zu reisen, ist noch einmal sehr viel anstrengender und mühsamer. Wir konnten unseren ehrgeizigen Plan nur dank der von Miro bereits erwähnten Gnade und der vielen Synchronizitäten einhalten.

Was waren die lohnendsten oder schönsten Momente?
MdW: Am schönsten für mich war, dass wir soviel Unterstützung erhalten haben – das hat mich sehr berührt. Dabei denke ich vor allem an Hans Hassler, der uns die Ausrüstung gespendet hat, und an die Schweizer Geldgeber. Aber auch den vielen „namenlosen“ Helfern in Indien, der Türkei und später in Europa gebührt unser Dank. Mein ganz persönliches Highlight war die eine Stunde, die wir ausserhalb der öffentlichen Öffnungszeiten am Grab von Rumi verbringen durften. Ich spürte, dass dies ein aussergewöhnlicher Kraftort ist – er versetzte mich in einen ganz besonderen Geisteszustand. Es war einfach wunderbar.

Was sind eure grössten Hoffnungen im Zusammenhang mit der Veröffentlichung dieses Films?
MdW: Ich glaube, ich darf da für uns beide sprechen, wenn ich sage, dass unsere grösste Hoffnung ist, dass der Film von möglichst vielen Menschen gesehen wird – im nationalen Fernsehen, bei Festivals oder später auf DVD. Das Hauptziel dieses Projekts war immer, ein Kunstwerk zu schaffen, dass die Zuschauer dazu anhalten soll, ihr eigenes Leben, ihren eigenen Lebensstil zu hinterfragen. Dabei wollten wir weder angriffig noch belehrend sein, sondern einfach drei Fenster zu drei verschiedenen Welten öffnen. Der Film ist sehr persönlich. Die von uns porträtierten Menschen erzählen ihr Leben. Aus diesem Grund haben wir auch von Anfang an auf einen Erzähler verzichtet. Wir wollten den Film ganz bewusst persönlich halten. Die Zuschauer sollen einen Geschmack davon bekommen, was es heisst, sich ganz der spirituellen Suche zu verschreiben.


Interview von Lori Doyle, am 12. Juni 2006